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 Editorial

 

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Liebe Freunde,

Summertime, and the living is easy, erst recht, wenn man sich ja nun auch wieder ungestört dem Thema Musik zuwenden kann, ohne ständig die Sorge zu haben, unter Umständen ein bedeutendes Fußballmatch verpassen zu können. Die Fahnen sind eingerollt, und im Nachecho der spanischen Nationalhymne, die bis heute immer noch keinen offiziellen Text hat, macht sich der schöne Gedanke wieder mal bemerkbar, dass jede Menge Musik weder Staats-, noch Sprachgrenzen kennt. "Musik - Sprache der Welt" hieß vor langer Zeit eine Sendung in unserem guten alten Berliner RIAS, und der Titel gefiel mir schon, als ich noch zu jung und zu dumm war, um zu begreifen, wie richtig er war und immer bleiben wird.

Dass Musik keine reine Bauch-, sondern sehr wohl auch eine Hirn-Angelegenheit ist, darauf wies kürzlich in einem Interview der bekannte britische Neurologe Oliver Sacks hin (s. a. Zitat rechts unten). "Die Vorliebe für die eine oder andere Musik hat immer auch mit Verständnis zu tun", meint Sacks (womit er nichts Neues sagt) und erwähnt einen hinduistischen Musikfreund, der ihm geschrieben hat, er habe unsere westliche Musik so lange als "sehr merkwürdig" wahrgenommen, bis er sich ihr ganz bewusst und vorsätzlich aussetzte und schließlich Gefallen an ihr fand. Und dann erwähnt Sacks noch, dass Schönbergs Musik einst regelrechte Krawalle ausgelöst und es 200 Jahre zuvor Menschen gegeben habe, "die fanden, Mozart und Beethoven komponierten keine Musik."

Woraus folgt, dass auch eine Welt-Sprache erstmal erlernt werden muss. Dieses Erlernte aber vermag Wunder zu vollbringen. Es lässt Behinderte tanzen und trommeln, Stotterer unbeschwert singen und Alzheimer-Kranke, die nicht mehr wissen, wo und wer sie sind, mühelos Chöre leiten.

Was der Neurologe da so alles über das Zusammenspiel von Musik und Gehirn herausfand, ist schon sehr eindrucksvoll, aber es ist natürlich nicht alles. Warum das musikalische Gedächtnis so krisenfest funktioniert, bleibt in letzter Konsequenz halt doch ein Geheimnis. Denn irgendwie, irgendwo scheint das alles ja trotz Oliver Sacks doch nicht mit dem Kopf, sondern sehr viel mehr mit der Seele zu tun zu haben, diesem mysteriösen Ding ohne Gestalt und festem Wohnsitz. Und das bedeutet eigentlich nichts anderes, als dass wir beim unaufhörlichen (Weiter-)Erlernen der Weltsprache Musik sehr gut daran täten, auch gleich mitzulernen, dass ihre Kraft vor allem in just dem liegt, was ihr Geheimnis, ihr für uns unlösbares Rätsel bleibt - mögen noch so viele musikinteressierte Neurologen noch so interessante Patienten treffen oder Musiklehrer angeödeten Schülern beibiegen, wie man Musikstücke so tranchiert, dass man sie nie mehr zusammengesetzt bekommt.

Es ist nun mal das Mysterium Musik, das uns auf Trab hält. Das uns garantiert, nicht nur analysieren, sondern auch fühlen, auch lieben zu können, und zwar buchstäblich grenzen-los. Das Erlebnis Musik, die Erfahrung Musik, die lässt sich zwar lernen, aber tranchieren lässt sie sich nicht. Gott sei Dank.

Herzlichst,

alex schmitz

 

 

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Zitat

 

 

“Die Überlebensfähigkeit von Musik im Menschen mag daran liegen, dass am Erkennen und Komponieren von Musik viele Teile des Gehirns beteiligt sind. Selbst wenn der eine oder andere Teil beschädigt ist, funktionieren noch genügend andere. Außerdem ist bei der Musikerkennung eine bestimmte Art der Erinnerung involviert, das so genannte Verhaltensgedächtnis, das ist praktisch unzerstörbar. Musik, die uns vertraut ist, liegt wie eine Schatztruhe tief drinnen in unserem Gehirn begraben.”

 

Oliver Sacks, britischer Wahl-New-Yorker, Neurologe, PEN-Mitglied, Buchautor (“Zeit des Erwachens”) und Bach-Liebhaber, in einem “Tagesspiegel”-Interview aus Anlass des Erscheinens seiner neuen Studie “Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn” (Rowohlt)

 

 


"Schopenhauer hat dies sehr gut ausgedrückt: 'Musik ist die einzige Kunst, durch die man sein Ego verlieren kann.' Schopenhauer meinte, es sei der tiefste Wunsch eines jeden Menschen, sein Ego aufzugeben, und dafür gebe es drei Wege. Der eine Weg geht über tiefe, religiöse Meditation, in der das Ego sich mit dem Kosmos identifiziert. Der zweite Weg geht durch die Liebe. Im Orgasmus mit einem wahrhaft geliebten Partner verliert man sein Ego auf gleiche Weise. Und der dritte Weg ist die Musik. Schopenhauer sagte: Nicht etwa Malerei, Dichtung oder Tanz; er nannte nur die Musik. Und er hatte recht, denn Musik ist die einzig wirklich abstrakte Kunst! Selbst abstrakte Malerei ist dagegen niemals wirklich abstrakt, denn immer steckt als Möglichkeit etwas Gegenständliches in dem Bild. Eine Linie zum Beispiel könnte einen Baum meinen. [...] Aber Musik ist wie ein Geheimcode; sie wird auf einer elementaren Ebene von einer Person auf die andere gegeben, daß es wirklich im Schopenhauerschen Sinn wie Liebe ist - oder wie ein völliges Aufgehen im Universum.”

 

 

Leonard Bernstein, zit. in DIE ZEIT v. 15.11.85

 

 

 

 

 

 

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